“Selig, die das Recht bewahren, die Gerechtigkeit üben zu jeder Zeit” (Psalm 106,3) (2/5)

Verfasst von - 10. Juli 2019 - Aktuell vor Ort, Archiv

Dies ist der zweite Blogbeitrag einer Freiwilligen aus Österreich, die auf Einsatz mit EAPPI ist. Insgesamt bauen fünf Blogbeiträge aufeinander auf. Hier geht’s zu dem ersten Beitrag: In den Hügeln von Ein Ar Rashash: Schutz durch Anwesenheit in der West Bank.

Die Besatzung des Militärstützpunktes nahe Ein Ar Rashash wechselt im Dreimonatsrhythmus. Während unserer Zeit hier haben wir solch einen Wechsel und seine direkten Auswirkungen auf das Leben der BeduinInnen erlebt. Der neue Befehlshaber des Stützpunkts schickt keine SoldatInnen, wenn der Siedler Elhanan, der sich hier illegal niedergelassen hat, anruft.
Die AktivistInnen von Ta`ayush, unser lokaler Programmkoordinator oder wir versuchen nun Elhanan in Gespräche zu verwickeln, um währenddessen den BeduinInnen die Möglichkeit zu geben, ihre Ziegen zu ihren Weidegründen zu treiben. Nach einiger Diskussion und Drohgebärden ziehen die SiedlerInnen dann meist ab und grasen ihre Schafe in einigen Kilometern Entfernung.
Diese Situationen bieten die Gelegenheit näher mit Elhanan ins Gespräch zu kommen und Einblicke in seine Gedankenwelt zu gewinnen. Sein Recht auf dieses Land leitet er direkt aus der Tora ab, er leugnet nicht die BeduinInnen verdrängen zu wollen. „Sie sind seit dreißig Jahren hier, jetzt ist meine Zeit, sie müssen verschwinden!”. Uns stellte er wiederholt die Frage, warum wir ausgerechnet in die Westbank gekommen sind. Er fragte uns, ob wir dies für besonders „sexy“ halten, und wies uns darauf hin, dass es auch andere Länder gebe, die internationales Recht verletzen und wir doch dort hingehen sollten um unsere „Seelen reinzuwaschen“. Er leugnet demnach also auch nicht internationales Recht zu verletzen.

Besonders eindrücklich erlebe ich die verbalen Auseinandersetzungen zwischen Elhanan und dem israelischen Aktivisten Rabbi Arik Aschermann. Zwei gläubige Juden, die sich beide auf die Tora beziehen und doch völlig unterschiedliche Schlüsse aus ihr ziehen. Der eine wähnt sich auf einer göttlich legitimierten Mission sein ihm vor Generationen versprochenes Land zu besiedeln, der andere sieht es als seinen religiösen Auftrag gegen Israels illegale Besiedlung der besetzten Gebiete vorzugehen. Aschermann kritisiert, dass die religiöse zionistische Bewegung sich blenden lässt von ihrer Ideologie der Heiligkeit des Landes Israel und der Regionen Judäa und Samaria, dass sie darüber andere fundamentale, humanistische Grundsätze ihres Glaubens vergessen1. So wie beispielsweise die Heiligkeit eines jeden menschlichen Wesens, das Verbot zu stehlen oder zu morden und religiöse Gebote wie: “Was dir verhasst ist – das tue deinem Nächsten nicht an!” (Talmud Bavli Shabbat 31a)2. Für ihn ist der Name Gottes geheiligt durch den Respekt, der dem menschlichen Leben und der Würde der Schöpfung entgegengebracht wird und nicht durch das Errichten eines jüdischen Staates zwischen „dem Fluss und dem Meer“, basierend auf vermeintlich biblischen Versprechungen1/4.

Am jüdischen Feiertag Schabbat ist die Situation in Ein Ar Rashash anders als unter der Woche. Mehrmals beobachten wir Gruppen von bis zu 18 Leuten inklusive Kleinkindern in religiös jüdischer Kleidung, schwerbewaffnet mit Maschinengewehren, die die Schafherde begleiten. Die Älteren und die Kinder warten in einiger Entfernung von den BeduinInnen, währenddessen die Jugendlichen und jungen Männer bewaffnet mit ihren M16 die BeduinInnen bedrängen.
An einem Tag begegnen wir dieser Gruppe, als wir mit unserem Auto die Gegend verlassen wollen. Sie liefen provozierend langsam als eine Kette vor uns auf der Straße, filmten und beschuldigten uns auf Hebräisch, sie überfahren zu wollen. Die Aufschrift auf dem T-Shirt des Jungen in der Mitte besagt auf Hebräisch: „Zion, was kann ich für dich tun, so dass du mein wirst?“

Eine Gruppe junger Siedler verhindern unsere weiterfahrt. Mai 2019 (Foto: EAPPI/ privat)
Eine Gruppe junger Siedler verhindern unsere weiterfahrt. Mai 2019 (Foto: EAPPI/ privat)

Die gleiche Strategie der falschen Anschuldigungen wenden sie in der Woche darauf bei dem Beduinen Abu Rahed an. Zuerst trieben sie ihre Schafe so nahe an die Ziegenherde der BeduinInnen heran, dass diese sich mischten. Danach riefen sie die Polizei und beschuldigten Abu Rahed anhand von Videos, die ein Schaf unter seinen Ziegen zeigen, ihnen ein Schaf gestohlen zu haben. Die Polizei verhaftete ihn und verhörte ihn vier Stunden lang auf der nahegelegenen Polizeistation. Am Ende entließ die Polizei ihn mit der Auflage sich Elhanan und seinen Schafen nicht mehr zu nähern. Eine Forderung, die für ihn unmöglich zu erfüllen ist, da er nahezu täglich von eben jenem Siedler verfolgt wird.

Wir spüren, wie die Verzweiflung und Angst der BeduinInnengemeinschaft wächst, noch mehr als zuvor versuchen sie, wir und die israelischen AktivistInnen jedes Aufeinandertreffen mit den SiedlerInnen von Anfang bis Ende zu filmen um uns gegen mögliche Anschuldigungen so gut wie möglich zu wehren.

Ein weiteres Gespräch in den Hügeln Ein Ar Rashashs, das mich noch lange danach beschäftigt, führe ich mit Ghassan, er ist in unserer Region ein wichtiger lokaler Kontakt. Wir sprechen über die Kinder von Elhanan, die oft beteiligt sind beim Terrorisieren von Abu Rahed und seiner Familie. Ghassan äußert seine Sorgen: „Wie wird es für meine Kinder sein? Wie sollen sie zusammenleben mit dieser neuen Generation von SiedlerInnen, aufgezogen mit dem Hass und der Verachtung für ihre palästinensischen NachbarInnen? Elhanans Söhne, all die Kinder, geboren oder aufgewachsen in den illegalen Siedlungen, wie sollen sie erkennen können, dass dies nicht ihr rechtmäßiges Zuhause ist? Wie soll ein Frieden oder gar eine Zwei-Staaten-Lösung mit dieser Generation denkbar sein?“

Beide Seiten filmen, SiedlerInnen versuchen den richtigen Zeitpunkt abzuwarten ihre Schafe mit den Ziegen zu vermischen (Foto: EAPPI/ privat)

Der Bau neuer Siedlungen beginnt häufig mit einer Familie, die ein Gebäude nahe oder in einem Militärstützpunkt bezieht. Schritt für Schritt beginnen sie dann die Einheimischen aus ihren Wohnstätten und Ländereien zu vertreiben, um ihren Outpost zu vergrößern. Meist stehen die SiedlerInnen in diesen Outposts in direktem Kontakt untereinander oder stammen aus den nahegelegenen größeren Settlements.

Elhanan ist kein Einzelgänger, der sich seine illegale Wohnstätte in Ein Ar Rashash zufällig ausgesucht hat. Er ist Teil einer größeren Bewegung, die die zionistische Besiedlung der Westbank vorantreibt. Ein Beleg dafür ist die Unterstützung, die er an Samstagen (Schabbat) erfährt, da sehen wir regelmäßig eine größere Gruppe von Menschen, die Elhanan begleiten. Wir sahen ihn auch als Teilnehmer einer Demonstration von illegalen SiedlerInnen in Hebron.

Der sogenannte „Five Finger Plan“ der Siedlerbewegung, deren Zielsetzung es ist, die Westbank mit fünf Linien an Siedlungen zu durchkreuzen: damit würden sie das besetzte Gebiet vollständig durchdringen sowie palästinensische Städte voneinander abtrennen.3 Eine dieser Verbindungen startet mit dem Settlement Ariel nahe Tel Aviv, und circa 20 Kilometer entfernt von der Grünen Linie. Von da aus ziehen sich in einer Reihe die Settlements Eli, Shiloh, Shuut Rahel sowie der Outpost Yishuv Ha Da`at durch die Westbank und verbinden Tel Aviv mit dem Jordantal. Ein Ar Rashash liegt genau auf dieser Linie und würde das letzte siedlungsfreie Gebiet bis zum Jordantal besetzen. In Ein Ar Rashash beobachten wir keine Bemühungen der israelischen Streitkräfte den Plan der SiedlerInnenbewegung zu unterbinden.

Linie der Siedlungen, die in einer Linie mit Ein Ar Rashash und dem Jordantal liegen (Kartenauszug aus Google Maps)

Quellen:

  1. Arik Aschermanns Blog:
    https://blogs.timesofisrael.com/my-dispossession-diary-alien-fire/
  2. Israel’s Hilltop Youth: Thou Shalt Not Kill | Radicalised Youth von ALJAZEERA
    https://www.youtube.com/watch?v=GqSfrluRGAc&t=1297s
  3. Ghassan Daghlass, Angestellter des Gouvernates von Nablus, zuständig für die Beobachtung der illegalen SiedlerInnenaktivitäten im Regierungsbezirk von Nablus.
  4. „From the river to the sea“ ist sowohl ein Slogan der radikal-islamischen Hamas als auch der religiös-zionistischen SiedlerInnenbewegung; beide Organisationen sprechen damit der anderen Seite das Existenzrecht ab.