Verwurzelt wie Olivenbäume

Verfasst von - 9. Mai 2019 - Aktuell vor Ort

Checkpoint Bei Yatir

Was ist eine Seam Zone? Im Jahr 1949 wurde ein Waffenstillstand vereinbart und diese Trennlinie gezogen. ´Green line´ heißt sie nur deshalb, weil sie mit grünem Stift gezeichnet wurde. Nach dem Krieg von 1967 wurde diese Linie von Palästina und Israel als Verhandlungsbasis für die Grenzziehung zwischen Israel und Palästina anerkannt, die Basis für die Zweistaatenlösung. Leider hält sich die israelische Regierung sehr oft nicht an diese Grenze, sondern baut die Trennmauer bzw. den Trennzaun weiter drinnen im palästinensischen Land, und das nennt man dann Seam Zone. In dieser Zone befinden sich oft fruchtbare Felder, die PalästinenserInnen dürfen ihre Felder aber nur mit israelischer Erlaubnis betreten und nur zu vorgegebenen Zeiten.

In der Seam-Zone gibt es nochmals einen Sonderstatus, dann, wenn PalästinenserInnen dort wohnen, das sind Enklaven mitten zwischen israelischen Siedlern. Dies ist der Fall von Aseefer. In Aseefer wohnen sieben palästinensische Familien, sie gehören zur Großfamilie Qbita. Sie brauchen eine Spezialerlaubnis der israelischen Behörden um hier wohnen zu dürfen und den Checkpoint Beit Yatir zu überqueren. Die Kinder besuchen die Schule in Izemil, das ist das Dorf vor dem Checkpoint. Zwei Mal pro Tag müssen sie diese Grenze passieren und werden von den Grenzern, Angestellte einer privaten Security-Firma, oft schikaniert. Gleich nach dem Checkpoint befindet sich die Siedlung Beit Yatir und die Siedler attackieren und beschimpfen die Kinder immer wieder. Daher sind wir zwei Mal pro Woche hier, um die Schulkinder zu begleiten, damit Siedler und Grenzer sehen, dass sie beobachtet werden.

Wir ´Internationals´ haben die Erlaubnis, durch den Checkpoint zu gehen, aber das ist immer mit aufreibenden Kontrollen verbunden. Heute geht es gut, es gibt keine langen Schlangen am Grenzposten und die Behandlung nach der Passkontrolle ähnelt einer strengen Sicherheitskontrolle am Flughafen.

Heute besuchen wir zuerst die Familie von Mahmud Qbeita, denn die Schule ist noch nicht aus. Er erzählt uns, dass er nicht mehr mit dem Auto durchfahren darf, weil er eine Erlaubnis für ein Auto hat, welches er jetzt austauschte. Er ist dabei, neue Papiere zu besorgen, aber bisher vergeblich. Sie leiden besonders darunter, dass ihre Freunde und Familienangehörigen aus Palästina keine Erlaubnis erhalten, auf Besuch zu kommen. Dann erzählt er, wie schön und friedvoll das Leben hier war, bevor 1984 die Siedlung gebaut wurde. Sie haben Sonnenenergie, obwohl 20 Meter hinter dem Haus eine riesige Stromleitung die Siedlung mit Strom versorgt. Müllentsorgung gibt es nicht und ein großes Problem ist das Wasser. Im Sommer ist es hier sehr heiß und staubtrocken und viele Menschen müssen Wasser in Tanks kaufen. Diese Tanks dürfen jedoch nicht durch den Checkpoint, daher bleibt Mahmoud keine andere Wahl, als mit seinem Traktor über einen anderen – offiziell verbotenen – Weg nach Palästina zu fahren um dann mit dem vollen Wassertank auf demselben Weg zurückzukommen, in der Hoffnung, dass er von den Soldaten nicht erwischt wird. Über alle neu erbauten Gebäude hängen Abrissbefehle und es ist nur eine Frage der Zeit, wann diese ausgeführt werden. Damit Neubauten nicht sofort entdeckt werden, bauen sie ihre prekären und provisorischen Unterkünfte bei Nacht Die Großfamilie besitzt 300 dunam (30 Hektar) Land, sie bauen Getreide und Oliven an und weiden Schafe und Ziegen.

Dann besuchen wir Osman Qbeita. Er erzählt uns, dass seine Weidegründe hinter dem sieben Meter hohen Zaun liegen und ihm einmal die Schafe weggenommen wurden, weil er eine angebliche ´natural reserve‘-Zone betrat (sein eigenes Land). Er nahm einen Anwalt und erreichte bei der Gerichtsverhandlung, dass er einen Schlüssel zur Gittertür des Zaunes bekommt, jetzt kann er seine Tiere weiden ohne jedes Mal mit den Soldaten zu diskutieren. Jetzt möchte er auf einem anderen Teil seines Grundstücks, welches er nicht betreten darf, Oliven anpflanzen. Auch dafür hat er seinen Anwalt eingesetzt, aber er weiß nicht, ob und wann er einen Bescheid erhalten wird.

Osman auf dem Grundstück seiner Familie

Bevor wir uns verabschieden sagt Osman, dass dies hier das Land seines Großvaters und seines Vaters ist, das ist palästinensisches Land, und er und seine Familie werden hierbleiben, genauso verwurzelt wie die Olivenbäume. Er bittet uns, dass wir seine Geschichte erzählen, die Welt soll wissen, was hier geschieht und er hat keine Angst, wenn wir seinen Namen nennen und sein Foto veröffentlichen.