Begleitung in Susiya

Verfasst von - 31. Juli 2018 - Aktuell vor Ort, Archiv

Eine meiner Aufgaben während meines Aufenthalts in der Region South Hebron Hills ist das sogenannte „Sheparding“. Im EAPPI-Jargon wird das auch „protective presence“, also „beschützende Anwesenheit“, genannt. Wir begleiten Hirten auf die Weide, die sonst beim Herumziehen mit ihren Tieren in Schwierigkeiten mit Soldat*innen oder Siedler*innen geraten könnten. Warum ist diese Begleitung so wichtig? Es geht immer um Land. Um Land, das den Leuten gehört, für das sie die nötigen Dokumente oft auch vorweisen können, das aber durch die israelische Politik bedroht wird. Diese macht es den Hirten oft unmöglich, ihr Tier auf dem eigenen Grund weiden zu lassen.

Ahmed Nawaja ist 31 Jahre alt und lebt mit seiner Frau Halimi und seinen beiden Töchtern, der dreijährigen Sarah und der zweijährigen Suar, im palästinensischen Dorf Susiya. Er ist hier geboren und hat immer hier gelebt. Susiya hat als Symbol des palästinensischen Widerstandes einige Bekanntheit erlangt und wird häufig von internationalen Delegationen besucht. Das Dorf steht nicht mehr an seinem ursprünglichen Ort.  1986 wurden Überreste einer Synagoge aus dem 5. Jahrhundert  gefunden, worauf Susiya zum archäologischen Park deklariert und die Einwohner*innen vertrieben wurden. Die vertriebenen Bewohner*innen haben unweit des ursprünglichen Gebietes ein neues Zeltdorf auf ihrem Weideland errichtet, in dem heute ungefähr 450 Menschen leben. Das Dorf wurde von der israelischen Regierung schon vier Mal zerstört, aber die Bewohner*innen sind immer wieder zurückgekommen. Vor kurzem wurde eine neuerliche „demolition order“ (Anordnung zum Abriss) über das Dorf verhängt. Neben diesen zwei „Susiyas“ gibt es in unmittelbarer Nähe noch ein drittes Susiya – eine israelische  Siedlung, die seit den 1980er Jahren ständig wächst. Das palästinensische Dorf Susiya und die gleichnamige israelische Siedlung liegen sich direkt gegenüber auf einem Hochplateau, getrennt durch ein ca. einen Kilometer langes Tal.

Ahmed wohnt etwas abseits des Dorfes Susiya in einer Senke, die von großen Steinen umgeben ist. Hier stehen, unter Schatten spendenden Feigen- und Olivenbäumen, seine zwei Wohnzelte. Unmittelbar daran angrenzend sind die Ställe für die Schafe und Ziegen. Ahmed besitzt 15 Jungtiere und 45 ausgewachsene Schafe und Ziegen, deren Lebensdauer drei bis vier Jahre beträgt. Es gibt auch einen Hühnerstall und zwei Hirtenhunde, die die Tiere auf die Weide begleiten. Die Familie lebt ausschließlich von den Schafen. Halimi melkt sie zweimal täglich und verkauft Milch, selbst hergestelltes Joghurt („Laban“) und Käse an private Kunden in Yatta; Ahmed kann manchmal auch ein Schaf verkaufen. Ich habe Ahmed gefragt, wieviel sein durchschnittliches monatliches Einkommen beträgt. Er nannte mir 700 Schekel. Und genauso viel gibt er auch aus – für Strom, Wasser, Lebensmittel, Kleidung, Arzt, Handy, Benzin und Zigaretten.

Wenn wir Ahmed gegen vier Uhr nachmittags zum Schafe hüten abholen, können die Schafe nicht mehr erwarten, bis er das Gatter endlich aufmacht. Ein Teil seines Weidelandes befindet sich auf der gegenüberliegenden Seite des Tales. Dorthin führt er seine Tiere jeden Tag, solange sie noch genügend Futter vorfinden. Wir gehen mit ihm hinunter ins Tal. Auf der rotbraunen, mit Steinen übersäten eisenhaltigen Erde hat man Olivenbäume gepflanzt und etwas Weizen angebaut. Halimi hat hier einen Gemüsegarten, in dem eine schmackhafte hellgrüne Gurkenart wächst, die wir nicht kennen.

Dann geht es wieder bergauf. Auf dieser Seite finden die Tiere zwischen den großen Steinen mehr Futter – trockene Halme, wilden Hafer, Disteln, wilden Thymian. Ahmeds Grund zieht sich hinauf bis zur Straße, die zur israelischen Siedlung führt. Die Tiere grasen einmal da, einmal dort – immer begleitet von seinem typischen „rrrrrrr“ und „tschiiii“’, mit dem er seine Herde dirigiert.

Bis vor kurzem konnte Ahmed die Straße zur Siedlung überqueren, um die Tiere auf der anderen Seite grasen zu lassen. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Auf der Straße zur Siedlung hin steht ein Wachhäuschen, das wir ständig im Auge behalten. Davor steht ein Soldat, der die Aufgabe hat, zu kontrollieren, dass Ahmed eine bestimmte Linie 100 Meter unterhalb der Straße nicht überschreitet. In letzter Zeit gab es einige Vorfälle. Zwei Siedler und drei Soldaten sind von der Straße heruntergekommen, um Ahmed und uns klar zu machen, dass die Grenze für ihn hier und nur hier ist. Ahmed beteuerte, dass das sein Grund sei, und er seine Schafe bisher immer hier weiden ließ. Seine Erklärung hat nichts genützt – Ahmed musste zurückweichen. Seither bleibt er mit seinen Schafen weiter unten, aber sein Weideland ist durch diese willkürliche Maßnahme wieder ein Stückchen kleiner geworden.

Ahmed ist ein fröhlicher Bursche. Er ließ sich nach dieser Begegnung nichts anmerken. Als wir die Schafherde eine halbe Stunde später zur Tränke am Brunnen zurückführten, liefen Ahmeds zwei Töchter ihrem Vater wie jeden Tag schon entgegen. Ein idyllisches Bild. Dennoch würde Ahmed lieber in Yatta wohnen und nur zwei Schafe im Stall haben. Dann könnte er arbeiten gehen – nach Israel, wo man am Bau 250 Schekel am Tag verdienen kann.