Schoolrun

Verfasst von - 22. Mai 2017 - Archiv

Schoolrun – das heißt Kinder und Jugendliche drei Mal in der Woche auf ihrem Weg in die Schule begleiten ist eine unserer Aufgaben. Also stehen wir ab halb Acht in der Früh als BeobachterInnen an der Straße, wo die meisten Schulkinder unterwegs sind. Unglaublich und erfreulich zugleich, wie vergnügt und offen in einem so bedrückten Land die SchülerInnen daherkommen – die Buben mit frech gestylten Stehfrisuren, die Mädchen dezent in ihrer Schuluniform, die älteren von ihnen mit dem traditionellen Kopftuch, dem Hijab, aber es geht auch ohne. Sie versuchen mit uns ins Gespräch zu kommen, erproben ihr lokal gefärbtes Englisch, das wir mit Mühe verstehen. Es wird viel gelacht, dabei könnte man glatt vergessen, dass möglicherweise SoldatInnen, versteckt hinter Olivenbäumen am Wegrand, darauf warten, die SchülerInnen bei ihrem frechen Spiel zu ertappen – beim Steinewerfen in Richtung der Staatsgewalt, die dann reichlich Möglichkeiten hat, das Vergehen zu ahnden. Wie groß der Stein war, wie weit der Wurf, ob womöglich wer getroffen wurde, jedes Detail bewirkt unterschiedliche Reaktionen. Steinewerfer sind Terroristen, hat das israelische Parlament 2015 entschieden und dafür Mindeststrafen auch für Jugendliche festgelegt. Vom Festhalten des Übeltäters für einige Stunden am Straßenrand bis zum Einsperren auf unbestimmte Zeit – in einer Präventivhaft ohne Anklage. In welchem Fall die Eltern mit einer Art Lösegeld die Möglichkeit haben, ihren gedankenlosen Sprössling los zu kaufen.

Diesmal sind aber weit und breit keine SoldatInnen zu sehen, also fliegen auch keine Steine. Dafür wird im Schulhof in strammen Reihen von dröhnenden Lautsprechern verstärkt die palästinensische Hymne gesungen, die vierfarbige Fahne gehisst. Der „schoolrun“ endet für meinen KollegInnen und mich mit einer Tasse Kaffee bei dem Direktor der As Sawiya – Schule im Bezirk Nablus, während die Jugendlichen in ihren Klassenzimmern verschwinden. 500 SchülerInnen werden hier von ca. 30 LehrerInnen unterrichtet und immerhin auch acht Mädchen, die sich für den wissenschaftlichen Zweig entschieden haben, den es an den Mädchenschulen der Umgebung nicht gibt. Eigentlich selbstverständlich, dass sie in der letzten Reihe im Klassenzimmer sitzen, neben einem Buben zu sitzen wäre so gut wie unmöglich, auch wenn sie recht entspannt miteinander umgehen. Dass sowohl die älteren Herrn wie auch die flotten, wenig konventionell scheinenden jüngeren LehrerInnen nebst Unterrichtsmaterial dezente schwarze Ruten mit sich herumtragen, kommentieren die Mädchen lächelnd: „die Buben brauchen das!“ Und “die Stöcke dienen nur den exakteren Hinweisen an der Tafel“- beruhigt uns der Direktor. 2.000-4.000 Schekel (500-1.000 Euro) kann eine Lehreperson je nach Schule in Palästina verdienen, 200 Stellen hat die palästinensische Autonomiebehörde unlängst ausgeschrieben, 36.000 LehrerInnen sollen sich beworben haben. Arbeitsplätze sind hier in allen Branchen rar, beschämend und trotzdem unumgänglich ist es daher für viele BewohnerInnen des Landes, meist schlecht bezahlte Arbeit in Israel zu finden. Schule und Bildung ist in Palästina a u c h eine Form von Widerstand einer unterdrückten Nation, auch kleinste Schulen werden nicht im Sinne von Rentabilität wegrationalisiert – „damit würden wir den Kampf gegen die Okkupation aufgeben”, sagt der Direktor „Bildung ist die einzige wirkliche Waffe, die wir haben.“ Trotzdem hat er Verständnis, dass seine SchülerInnen unruhig werden, sich schlecht konzentrieren können, wenn wieder einmal SoldatInnen in der Nacht den Ort mit Gummigeschossen, Soundbombs und Tränengas in Aufregung und Angst versetzt haben, womöglich ein Abbruchbefehl fürs Elternhaus oder das der Nachbarn am Morgen mit einem Stein beschwert vor der Haustür gefunden wurde. Verständlich, dass vor allem die Buben und Jugendlichen in einer solchen Situation wenigstens mit Steinwürfen ihre Wut ausdrücken wollen – aber es bleibt klar: Gewalt ist kein Mittel.

Beim „schoolrun“ zwei Tage später sind übrigens doch Soldaten da. Eben an der Straße, wo die meisten Jugendlichen unterwegs sind, klettern sie betont lässig aus ihrem Jeep, drei junge Männer, nicht viel älter als ihre vermuteten Widersacher von der Schülerliga. In Israel gilt drei Jahre Wehrpflicht für Männer, zwei für Frauen, kein Wunder, dass sie manchmal einfach beschäftigt werden müssen. Jeder ein Gewehr umgehängt fragen sie uns von oben herab, was wir hier tun. „Wir begleiten die Kinder auf ihrem Schulweg“ Wozu die Begleitung bräuchten? “Wegen der Probleme mit den Soldaten.“ Unsere relativ entspannte Diskussion endet schließlich mit einer schlichten Erkenntnis: Wenn keine SoldatInnen herumstehen, werden auch keine Steine fliegen. Für die Männer der israelischen Streitmacht allerdings keine schlüssige Erkenntnis. Mürrisch steigen sie in ihren Jeep und fahren ab. Und wir können nur hoffen, sie mit unserer Diskussion nicht angeheizt zu haben für ihre nächsten Auftritte.